«Kinder nennen mich Mr. Zauberhand»

Michel Fornasier wurde ohne rechte Hand geboren und verfügt heute dank modernster Technik über eine digitale Hand. Sie ist mit sechs Motoren betrieben und kann auch per App gesteuert werden, sodass sie einer menschlichen Hand näher kommt als alle anderen Prothesen und sich weniger als Fremdkörper anfühlt. Mit seinem Engagement ermöglicht er körperlich behinderten Kindern den spielerischen Zugang zu Handprothesen.

Herr Fornasier, die Grenzen zwischen analoger und digitaler Welt verschwimmen. Was bedeutet das für den Menschen?

Ich denke, dieses Thema hat sehr viel mit Ethik und Moral zu tun. Wenn zum Beispiel ein Mensch körperlich beeinträchtigt ist, sprich ein Bein oder ein Arm fehlt, finde ich es absolut legitim, diesen „Nachteil“ durch ein bionisches Hilfsmittel wettzumachen.

Vielleicht ist Medizinrobotik in 20 Jahren so weit entwickelt, dass Menschen bionische Prothesen gesunden, menschlichen Beinen und Armen vorziehen. Diese Vorstellung befremdet mich sehr – man denke nur an Leichtathleten, die schon heute mit Beinprothese schneller rennen können als Athleten mit gesunden Beinen. Wenn sich Menschen bewusst Körperteil amputieren lassen, um den Körper leistungsfähiger zu machen: Wo liegt dann die Grenze?

Da sprechen Sie ein Thema an, in das auch Artificial Intelligence hinein spielt. Das ist momentan gerade ein besonders beliebtes Schlagwort.

Sicherlich ist Artificial Intelligence für viele Menschen ein sehr emotionales Thema. Meines Erachtens sollte man das Ganze aber aus einer gewissen Distanz und pragmatisch betrachten. Zumindest ist mir kein Roboter bekannt, der sich autonom programmiert. Es ist immer noch der Mensch, der den Maschinen Intelligenz verleiht, sie programmiert, um gewisse Bewegungsabläufe auszuführen. Solange Digitalisierung dem Menschen hilft und ihn bei seiner Arbeit unterstützt, ist sie durchaus erwünscht.

Zum Beispiel unterstützen in der Physiotherapie sogenannte „Bewegungsroboter“ PhysiotherapeutInnen im Umgang mit ihren Patienten.

Glauben Sie, dass sich die Technologie noch immer dem Menschen anpasst, oder verhält es sich mittlerweile umgekehrt?

Wir Menschen sind noch immer der Treiber von Technologie. Ich finde es immer ganz faszinierend, wozu der Mensch in der Lage ist. Als ich zum Beispiel mit meiner Prothese geübt habe, einen Ball in eine bestimmte Richtung zu werfen, war das für mich sehr schwierig. Dabei ist es eigentlich – mit einer gesunden Hand – ein so simpler Griff, aber was es an Nerven, Muskelimpuls und Feinmotorik braucht, ist unglaublich. Wir stehen zum Beispiel am Morgen auf und es ist ganz selbstverständlich, dass die Beine laufen oder die Hand nach dem Müsli und nach der Milch greift.

Um Ihre Frage also zu beantworten, der Mensch ist nicht nur physisch, nicht nur körperlich ein Wunderwerk, sondern auch im Geist und im Wissen. Mit diesem Wissen kreiert der Mensch die Digitalisierung. Der Mensch sitzt auf dem Apex der Pyramide.

Führt Digitalisierung die Menschen näher zusammen oder entfremdet sie sie?

Ich empfinde Digitalisierung als zweischneidiges Schwert. Je nachdem, wie der Mensch mit der Digitalisierung umgeht. Wenn die Digitalisierung sinnvoll genutzt wird, führt sie Menschen zusammen. Social Media trägt dazu bei, dass die Welt enger zusammenrückt. Auf der anderen Seite wünsche ich mir in dieser hektischen Zeit etwas Entschleunigung. Wenn heute eine elektronische Nachricht nicht „fristgerecht“ beantwortet wird, schaltet der Absender gleich eine Vermisstenanzeige.

Wie Paracelsus schon treffend sagte, allein die Dosis macht das Gift – das gilt auch für die Nutzung digitalisierter Hilfsmittel. Eine gute Mitte zu finden ist auch in Alltagssituationen, wie zum Beispiel bei einem Handschlag, wichtig. So reiche ich zum Gruss neben der bionischen Handprothese auch meine linke, menschliche Hand. Ich mag den „Human Touch“ eines Händedrucks, das schafft Nähe und baut Brücken.

Nicht selten denken Kinder, es schlummern Superkräfte in meiner Handprothese und nennen mich Mr. Zauberhand, was mir ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Wichtig ist, dass wir bei der ganzen „Digitalisierung-Euphorie“ unsere Menschlichkeit nicht vergessen. Aber generell bringt Digitalisierung den Menschen sicher zusammen, ja.

Die Digitalisierung bietet nicht zuletzt in der Medizin ganz neue Möglichkeiten. Wie sehen diese Möglichkeiten konkret im Hinblick auf Prothesen aus?

Es ist faszinierend zu sehen, was Technik, Medizin und Robotik heute im Stande sind zu bewirken, doch liegt noch ein weiter Weg vor uns. Erfreulich finde ich Wettkämpfe wie den Cybathlon, an dem Hochschulen und Universitäten aus der ganzen Welt ihre entwickelten Hilfsmittel für Menschen mit einer körperlichen Behinderung testen.

Meine hochmoderne Prothese zum Beispiel, derzeit State-of-the-Art im Bereich der Handprothetik, deckt lediglich 15 Prozent der Mobilität einer menschlichen Hand ab. Das ist doch sehr ernüchternd. Ein Ziel in naher Zukunft soll sein, Finger gedanklich mittels Nervenimpulsen zu steuern. Da solche Projekte hochkomplex sind, bergen sie jedoch auch hohe Risiken. Persönlich kann ich sagen, die Handprothese hat mich dankbarer gemacht. Dankbar dafür, dass ich eine linke, gesunde Hand habe. Diese Dankbarkeit möchte ich auch weitergeben. So überraschten wir letztes Jahr einen körperlich behinderten Jungen mit einer Handprothese aus dem 3D-Drucker. Leuchtend grün und mit einer Bewegungsfunktion. Der Junge zog sich die Prothese an, setzte sich auf sein Fahrrad und drehte seine Runden, als hätte er nie etwas anderes gemacht.

Das Erfreuliche: diese Hand kostet ein Bruchteil im Vergleich zu anderen kosmetischen Handprothesen. Meine erste Prothese war eine Art Patschhand. Ohne Funktion und viel zu schwer für meinen kleinen Armstumpf.

Nicht jeder die finanziellen Möglichkeiten, sich eine solche Prothese, wie Sie sie tragen, zu leisten. Nicht zuletzt daher haben Sie eine Stiftung ins Leben gerufen, die vor allem Kindern unterstützt. Wie genau sieht diese Unterstützung aus?

Das stimmt. Die erste Prothese, die ich hatte, hatte eine Patschhand. Angezogen habe ich sie selten, akzeptiert noch weniger – die meiste Zeit lag sie auf dem Dachboden in der Lego-Schachtel.

Kinder wünschen sich keine hautfarbene „Möchtegern-Hand“. Vielmehr muss die Hand bunt sein, am besten noch leuchten und glitzern – wie ein Spielzeug daher kommen. Der Erstkontakt zu einer Prothese soll spielerisch sein, diesen Wunsch teilten mir Eltern von körperlich behinderte Kinder immer wieder in Selbsthilfegruppen mit. Neongrün und azurblau stehen dabei ganz oben auf der Liste (lacht).

Das ist ein toller Übergang zum Thema Kunst und Digitalisierung. Wie sehen Sie die Rolle allgemein von kreativen Menschen in einer sich immer mehr digitalisierten Welt? Was hat der Künstler oder die Künstlerin in einer solchen Welt für eine Rolle?

Die Kunst sollte mit der Zeit gehen. Ob Plastiken oder Videoinstallation – ich denke, Künstler kommen heutzutage kaum mehr darum herum. Die Digitalisierung bietet eine riesige Farbpalette an Möglichkeiten, die vor zwei, drei Dekaden noch völlig unbekannt waren.

Ich denke, es ist nicht nur für Künstler, sondern auch für den Menschen per se wichtig, sich grundlegend mit dem Thema der Digitalisierung zu befassen. Es gibt unzählige Möglichkeiten, aus denen wir alle schöpfen können, nicht nur in der Kunst, sondern allgemein im Alltag und im Leben. Wer diese sinnvoll zu nutzen weiss, wird einen enormer Mehrwert haben.