«Es scheint, als wäre der Computer zu einer Art bester Freund des Menschen geworden.»

Der Computer erfüllt Kriterien, die ein menschlicher bester Freund niemals erfüllen könnte, wie beispielsweise ständige Verfügbarkeit, sagt Dr. Joëlle Bitton, Medienkünstlerin und Leiterin des Bachelorstudiengangs in Interaction Design an der Zürcher Hochschule der Künste. Durch ihren Background in verschiedenen akademischen Gebieten wie Geschichte, Geopolitik, Kunst und Design ist ihr Ansatz interdisziplinär und kollaborativ – theoretisch wie praktisch.

Sie studieren bereits eine Weile die Beziehung zwischen Mensch und Technologie. Was fasziniert Sie so an diesem Thema?

Ich finde es spannend, dass die Menschen dieser Thematik mit  einer Mischung aus Angst und Enthusiasmus begegnen, obwohl Menschen und Technologie in der Geschichte immer schon interagiert haben. Wir führen heute ähnliche Diskurse wie im 19. Jahrhundert – nur geht es um andere Werkzeuge.

Glauben Sie, dass sich die Technologie an die Menschen anpasst oder sind es die Menschen, die sich der Technologie anpassen?

Das kann man nicht generell sagen. Häufig ist es Zufall, wer sich wem anpasst. Spannend finde ich Erfindungen, die für einen bestimmten Zweck entwickelt wurden, und dann von den Menschen zweckentfremdet wurden. Textnachrichten auf dem Handy wurden beispielsweise erfunden, damit Telekommunikationsanbieter Telefonnetzwerke testen konnten.  Diese Testversuche haben die menschliche Kommunikation revolutioniert.

Sie untersuchen den Einfluss neuer Technologien auf soziale Beziehungen. Was können wir aus Ihren Erkenntnissen lernen?

Ich habe mich hauptsächlich damit beschäftigt, wie die Technologie zu einem Teil unseres alltäglichen Lebens wurde und dabei beinahe etwas Beruhigendes ausstrahlt. Menschen benutzen ihre Laptops im Bett kurz vor dem Einschlafen und direkt nach dem Erwachen. Es scheint, als wäre der Computer zu einer Art bester Freund des Menschen geworden. Der Computer erfüllt Kriterien, die ein menschlicher bester Freund niemals erfüllen könnte, wie beispielsweise ständige Verfügbarkeit. Ich möchte das keinesfalls moralisch bewerten. Es ist wichtig zu betonen, dass wir nicht wissen, ob dies eine gute oder eine schlechte Entwicklung ist. Dies einzustufen ist nicht Ziel unserer Forschung.

Welche Rolle spielen Künstler in der zunehmenden Digitalisierung?

Künstler sind Wegbereiter für Dienstleistungen oder Services, die heute auf dem breiten Markt erhältlich sind oder in der Werbung genutzt werden. Das fällt auf, wenn man sich die digitale Kunst der 60-Jahre bis heute ansieht.

Künstlerische Experimente werden also im wirtschaftlichen Kontext verwendet?

Genau – und es trifft auch auf den Designbereich zu. Leider gehen viele Arbeiten von Künstlern oder experimentellen Designern verloren, da die Möglichkeiten und Ressourcen für die Vermarktung ihrer Werke fehlen. Das hat zur Folge, dass sich der Markt die Arbeiten zu eigen macht. Ein Künstler kann nicht auf Knopfdruck einen Prototypen entwerfen und ihn dann massentauglich machen. Dafür fehlt es ihm oftmals an Logistik, an Wissen und an der nötigen Struktur. Schliesslich ist es eine Frage der fehlenden Skalierbarkeit. Es gibt immer noch Potenzial dahingehend, Künstler bei der Vermarktung ihrer Erfindungen zu unterstützen.

In welchen Bereichen schätzen Sie die Digitalisierung und in welchen Bereichen wünschen Sie sich die analoge Welt zurück?

Was ich am Analogen schätze, ist, dass es ein Gerät oder ein Werkzeug für eine Funktion gibt: Wenn man ein Foto machen will, verwendet man die Kamera; wenn man Schallplatten anhören will, verwendet man den Plattenspieler; wenn man ein Buch lesen will, liest man eben ein Buch. In den letzten zehn Jahren konnte man den Prozess der sogenannten „Dematerialisierung“ beobachten, bei dem der Laptop quasi alle diese Dinge übernommen hat. Heutzutage kann man alles über ein einziges Gerät erledigen. Das ärgert mich, weil ich das Gefühl habe, dass der Computer zum Lebensmittelpunkt wird. Daher habe ich in den letzten Jahren bewusst versucht, diese Funktionen alle wieder zu separieren.

Auf der anderen Seite ist genau diese Entwicklung sehr praktisch – gerade für Menschen wie mich, die sehr häufig reisen und in unterschiedlichen Ländern arbeiten. Da schätze ich wiederum die sogenannte „Background Presence“, die mir die Technologie bietet. Ich habe die Möglichkeit, Menschen zu sehen, auch wenn ich nicht unbedingt mit ihnen interagiere. Sie sind auf WhatsApp, sie sind auf Facebook oder sonstigen Kanälen präsent und dadurch fühle ich mich nicht komplett von ihnen losgelöst.